Wirtschaft und Ethik

Ethisches Handeln in der Wirtschaft - Eine Utopie?

Zur Beantwortung der Fragestellung, ob "ethisches Handeln" im Wirtschaftsleben eine Rolle spielen und eine Handlungsmaxime sein kann, sollte zunächst die Begrifflichkeit definiert werden. So ist die Ethik zunächst einmal lediglich eine Teildisziplin der Philosophie, nach üblichem Verständnis jedoch wird unter ethischem Verhalten ein Handeln verstanden, das der allgemeinen Auffassung von Moral und Anstand folgt und sich mit ihr im Einklang bewegt. In der westlichen Welt sind diese moralisch-ethischen Wertvorstellungen historisch maßgeblich durch christliche Moralvorstellungen und die Aufklärung geprägt worden. Hierauf gründen - neben zahlreichen anderen - heutige ethische Handlungsmaximen wie Ehrlichkeit, Rücksichtnahme, Verantwortung und die Sozialverpflichtung des Eigentums. Welche Voraussetzungen müssten gegeben sein, damit solche ethischen Werte in allen Lebensbereichen - also auch im Wirtschaftsleben - als unumstößliche Handlungsmaxime gelten könnten? Zunächst einmal müsste "ethisches Handeln" von allen Akteuren des Wirtschaftslebens gleichermaßen als Imperativ verstanden werden. Dies hat jedoch zur Konsequenz, dass zum einen kein wirtschaftlich Handelnder abweichende Wertvorstellungen haben darf, die sein Verhalten leiten, und dass es zum anderen keine anderweitig motivierten Handlungsmaximen geben darf, die ethischem Verhalten und Handeln zuwider laufen. Betrachten wir beide Bedingungen getrennt voneinander: Wie weit verbreitet sind in unserer Zeit ethisch-moralische Verhaltensmuster? Ein Misanthrop würde hier sicherlich in den allgemeinen Abgesang auf die Moral unserer Gesellschaft einstimmen und behaupten, dass ethisches Handeln in der heutigen Welt eine Ausnahmeerscheinung darstellt. Bei realistischer Betrachtung sollte man jedoch zu dem etwas schmeichelhafteren Schluss kommen, dass die überwiegende Zahl der Menschen sich sicherlich sehr wohl ethischen Werten und Normen verpflichtet fühlt und versuchen wird, danach zu handeln. Wenn dies jedoch so ist, wie kann es dann überhaupt noch zu unethischen Verhaltensweisen im Wirtschaftleben kommen? Die Antwort liegt offenbar in der zweiten Bedingung: Selbst wenn ethisch-moralische Werte und Normen eine wichtige Grundlage für unser Handeln im Wirtschaftsleben bieten, so sind sie doch nicht die einzigen Handlungsmaximen. So ist Grundprinzip und Triebfeder einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung das Gewinnstreben des einzelnen. Daher lässt der - trotz aller immer wieder auftretender Krisen - relative Erfolg dieser Wirtschaftsordnung vermuten, dass das Streben nach Gewinn eine dem Menschen ebenfalls innewohnende Handlungsmaxime zu sein scheint. Insofern wird ein im Wirtschaftsleben Handelnder oftmals bereits diesbezüglich eine erste Abwägung treffen müssen zwischen dem Streben nach Gewinn einerseits und ethischen Verhaltensmustern wie Ehrlichkeit oder Rücksichtnahme andererseits. Somit ist bereits bei Betrachtung des Individuums nicht sichergestellt, dass es sich immer und jederzeit für ein "ethisches" Verhalten entscheiden wird, wenn ihm dadurch zusätzlicher Gewinn entgeht. Zusätzlich verschärft wird dieses Dilemma bei kollektiver Betrachtungsweise: Der einzelne weiß sich im Wirtschaftsleben im Wettstreit mit anderen Individuen. Entschiede er sich nun stets für ein ethisch-moralisches Verhalten zu Lasten seines Strebens nach Gewinn, müsste er befürchten, seine Position in diesem Wettstreit unter Umständen deutlich zu verschlechtern, und zwar, weil es aus seiner Sicht nicht ausgeschlossen wäre, dass Mitbewerber ihr ethisches Handeln zu Gunsten ihres Gewinnstrebens zurückstellen. Insofern ist in einer solchen Situation für das Individuum aus Wettbewerbsgesichtspunkten unter Umständen rational, sich nicht immer ethisch zu verhalten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ethisch-moralische Werte und Normen durchaus tief im kollektiven Bewusstsein verankert sind und einen großen Teil unseres - auch wirtschaftlichen - Handelns bestimmen. Gerade im Wirtschaftsleben haben die Akteure für ihr Tun jedoch auch andere wesentliche Triebfedern. Insofern ist ethisches Handeln im Wirtschaftsleben möglich, steht jedoch in ständigem Widerstreit mit anderen Verhaltensmotiven.